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Geschichten von
starken Frauen
Selbst Marcel Reich Ranicki kann die Regensburger Autorin Elfi Hartenstein
nicht von ihren Themen abbringen
Regensburg - Die Blechdose mit ihrem Lieblingstabak liegt griffbereit
neben dem Laptop. Der fliederfarbene Drehstuhl mit den schwarzen
Armlehnen ist verwaist, doch auf dem Bildschirm des gerade hochgefahrenen
Computers regt sich etwas. Ein Foto erscheint - darauf eine Frau
mit dunklen Haaren, die einen Blick zur Zugtür hinaus auf den
Bahnsteig wirft. „Das war einer meiner Aufbrüche",
sagt Elfi Hartenstein. Ihre wachen Augen fangen einen Moment lang
den Blick der Abreisenden auf, der weit in die Ferne zu gehen scheint.
Die Aufnahme am Bahnsteig, so erzählt sie, habe ihr früherer
Freund gemacht. „Aufbrüche", sagt sie dann, „scheinen
zu meinem Leben zu gehören."
Alle Geschichten haben einen Anfang. Die Geschichte der Schriftstellerin
Elfi Hartenstein könnte damit beginnen, wie sie als kleines
Mädchen am Wochenende zu ihrem Vater ins warme Bett kroch und
seinen Erzählungen lauschte. Die handelten meist von fernen
Ländern und großen Abenteuern. An den genauen Inhalt
dieser Geschichten kann sie sich nicht mehr erinnern. Wohl aber
hat sie auf vielen ihrer Lebens- und Reisestationen den Vater vor
Augen, fährt in Landstriche, die er selbst gern gesehen hätte,
teilt mit ihm, die Furchtlosigkeit, Brüche im Leben nicht nur
hinzunehmen, sondern auch herbeizuführen. "Ich bin total
neugierig auf das, was da immer noch kommt im Leben", sagt
sie, denkt kurz nach und gelangt zu folgendem Schluss: „Sagen
wir mal so: Ich habe relativ wenig Angst. Einfach so. Punkt!"
Selbstständige, starke Frauen spielen eine große Rolle
in Elfi Hartensteins literarischem Werk. Sie besuchte zehn jüdische
Emigrantinnen im New Yorker Exil, interviewte die Frauen und machte
daraus ein Buch -„ein Buch, das spannender ist als mancher
Thriller", wie die Kritik urteilte. „Wenn ich mich schreibend
mit Menschen und ihren Geschichten beschäftige", so sagt
sie, „mache ich das, weil sie mich interessieren und weil
ich hoffe, dadurch auch andere Menschen dazu anregen zu können,
sich mit ihnen auseinander zu setzen."
Kürzlich erst stieß Elf i Hartenstein bei einem Spaziergang
in Regensburg auf einen Grabstein aus dem Jahre 1751. Darauf ist
eine Freifrau von Tengler als Landrichterin erwähnt. „Wie
gibt es denn das", dachte sich die studierte Historikerin,
„Frauen konnten damals doch noch gar nicht Beamtinnen werden?"
Ob daraus der Stoff für ein Buch wird, weiß Hartenstein
noch nicht. Zumindest aber liegt unter diesem Grabstein eine einst
herausragende Figur - „eine Person, die auch heute noch Mut
macht".
Stark und selbständig, so war und ist auch Elfi Hartensteins
Mutter, die in Herrsching am Ammersee lebt. „Sie war Uhrmachermeisterin",
sagt die Autorin. Der Vater ihres Vaters wiederum, der hatte eine
Zigarren-Manufaktur in der Pfalz, mit der es nach Ende des Ersten
Weltkrieges „den Bach runter ging". Und er liebte die
Bienenzucht, weshalb er seine Enkeltochter immer wieder mit zu den
Bienenstöcken nahm. Das alles wären vielleicht belanglose
im Leben eines anderen Menschen. In Elfi Hartensteins Leben sind
dies jedoch gewissermaßen Leuchttürme, die der Aufbruchbereiten,
der Suchenden und Reisenden den Weg weisen.
Immer wieder arbeitet die 57-Jährige im Ausland, als Dozentin
für das Goethe-Institut. Das ist ihr Brotjob - oder vielmehr
einer von mehreren. Sie schrieb auch schon Ratgeber für junge
Leute, die Zahnarzthelferin oder Augenoptiker werden wollten. Das
bringt Geld - für die Literatur. Bisweilen taucht aus dem Nebel
des Lebens einer der Leuchttürme auf, und das Geldverdienen
verbindet sich mit Erinnerungen. Das Fachbuch „Sanft heilen
mit Bienen-Produkten", das war kein Zufall im Leben der Elfi
Hartenstein. Es war eine Begegnung mit dem Großvater, der
die Bienenzucht liebte.
Und dann gibt es jene Bücher, bei denen Literatur-Kritiker
euphorisch werden und schreiben, dass Elfi Hartenstein „den
Leser in einen Erzählsog zieht, aus dem er sich nur ungern
herausreißen lässt". Ähnliches schnarrte ihr
Marcel Reich-Ranicki entgegen, als sie sich 1985 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
in Klagenfurt seinem Urteil stellte. Die Hartenstein sei zwar eine
begabte Frau, „aber leider behandelt sie immer die falschen
Themen". „Das Buch schreibe ich trotzdem fertig",
sagte die Hartenstein. Dafür bekam sie vom Publikum Applaus,
aber nicht den Preis. Der war ihr allerdings auch nicht wichtig.
Elfi Hartensteins Schreibtisch steht in einer Regensburger Altbauwohnung.
Auch er ist eine Art Leuchtturm, ein Wegweiser. „Ich bin treu
in meiner Zuwendung." Treu sein, das heißt für sie,
Menschen wieder zu finden, die einmal eine Rolle in ihrem Leben
spielten, Freunde, die sie Jahre lang nicht gesehen hat. Treue verbindet
sie aber auch mit lieb gewonnenen Gegenständen. Als sie das
erste Mal nach Moldawien reiste, verkaufte sie ihr Haus und stellte
ihre Möbel unter, um sie drei Jahre später bei der Rückkehr
heil wieder zu finden.
Als ihr mittlerweile 30-jähriger Sohn vier Jahre alt war, sagte
Elfi Hartenstein zu ihm: „Ich kann nicht immer bei Dir sein,
aber ich komme immer wieder zurück." Bei einem der Abschiede
fragte sie ihr Kind: „Hast Du Angst?" Der Junge antwortete:
„Angst? Wieso? Du kommst doch zurück." Männer
im Leben von Elfi Hartenstein haben zumindest nur temporär
verstanden, was der Vierjährige sofort verstand. Momentan lebt
die Schriftstellerin ohne Partner.
„Glücklich oder nicht? Frauen im goldenen Käfig“,
hieß eines ihrer ersten Bücher. Das Ergebnis der Studie
erstaunte sie:
„Viele der Frauen waren mit diesem Leben zufrieden.“
Tief aus dem Bauch heraus bricht die 57-Jährige in schallendes
Gelächter aus. „Viele waren mit diesem Leben tatsächlich
zufrieden.“
Süddeutsche Zeitung, Januar 2004
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